Es kann vorkommen, dass die Sonne zum Kulminationszeitpunkt gerade hinter einer Wolke verschwindet. Die Mittagsbreite kann in diesem Fall nicht gemessen werden.

Durch Messung der Sonne kurz vor oder auch kurz nach der Kulmination ist es mit dem Nebenmeridianbreiten-Verfahren aber auch möglich, eine Standlinie durch ein Breitenverfahren zu erhalten.

Geometrie der Nebenmeridianhöhe

Bei einer Messung vor oder nach dem Kulminationszeitpunkt ist zu bedenken, dass eine zu niedrige Höhe hbh_b als Meridianhöhe h0h_0 gemessen wird und dass das Azimut nicht auf dem Meridian liegt, sondern bei der Messung vor der Kulmination östlicher ist und bei der Messung nach der Kulmination westlicher ist.

Bei Sonne im Südmeridian ist das Azimut demnach vor dem Kulminationszeitpunkt kleiner als 180°, nach dem Kulminationszeitpunkt größer als 180°.

Der Höhenunterschied Δh=h0hb\Delta h = h_0 - h_b kann näherungsweise nach folgender Formel berechnet werden:

Δh []  120arcsin(sin2(tE,W2)cos(φ)cos(δ)cos(hb))\Delta h\ [']\ \approx \ 120\cdot \arcsin \left(\sin ^2\left(\frac{t_{E,W}}{2}\right)\cdot \frac{\cos (\varphi )\cdot \cos (\delta )}{\cos (h_b)}\right)

mit tE,Wt_{E,W} als halbkreisigem Ortsstundenwinkel.

Das halbkreisige Azimut ZZ wird näherungsweise berechnet nach:

Z  tE,Wcos(δ)sin(φδ)Z\ \approx \ -t_{E,W}\cdot \frac{\cos (\delta )}{\sin (\varphi -\delta )}

Vorgehen

  • Für den Zeitpunkt der Messung werden aus dem Nautischen Jahrbuch Deklination und Ortsstundenwinkel bestimmt. Minutengenau ist ausreichend.
  • Berechnung des Höhenunterschiedes und des Azimuts nach den oben angeführten Formeln.
  • Die Meridianhöhe h0h_0 ergibt sich aus h0=hb+Δhh_0 = h_b + \Delta h.
  • Aus dieser Meridianhöhe wird die Nebenmeridianbreite ermittelt, wie bei Mittagsbreite.
  • φ = 90 + δ  hSM\varphi \ =\ 90{}^{\circ}\ +\ \delta \ -\ h_{\mathit{SM}} für Kulmination im Südmeridian.
  • φ = hNM  + δ  90\varphi \ =\ h_{\mathit{NM}}\ \ +\ \delta \ -\ 90{}^{\circ} für Kulmination im Nordmeridian.
  • Im Schnittpunkt Koppellänge und Nebenmeridianbreite wird der Azimutstrahl eingetragen; die Standlinie verläuft senkrecht dazu.

Beispiel

Sie beobachten am 08.06.2005 kurz vor Meridiandurchgang um 12.50 UT1 auf 50° N, 17° W den Sonnenunterrand in einer Wolkenlücke. Sextantablesung 62° 28’, Ib=2Ib = -2', Ah=2mAh = 2\,m. Bestimmen Sie die Meridianbreite und zeichnen Sie die Standlinie.

Ortsstundenwinkel und Deklination

Grt12.00.00 000° 14,4′
+ Zuwachs 12° 30,5′
Grt12.50 012° 44,9′
Grt12.50 372° 44,9′
- λ - 017° 00,0′ ("-" da Westlänge)
t 355° 44,9′
359° 60,0′
- t 355° 44,9′
tW 004° 15,1′
δ 22° 53,0′ N

Höhenunterschied und Azimut

SA 62° 28,0′
+ Ib -2,0′
KA 62° 26,0′
+ Gb 13,0′
+ Zb -0,2′
hb 62° 38,8′
Δh []  120arcsin(sin2(415,12)cos(50)cos(2253)cos(6238,8))  12,2\Delta h\ [']\ \approx \ 120\cdot \arcsin \left(\sin ^2\left(\frac{4{}^{\circ}15{,}1'}{2}\right)\cdot \frac{\cos (50{}^{\circ})\cdot \cos (22{}^{\circ}53')}{\cos (62{}^{\circ}38{,}8')}\right)\ \approx \ 12{,}2' Z  415,1cos(2253)sin(502253)  8,6Z\ \approx \ -4{}^{\circ}15{,}1'\cdot \frac{\cos (22{}^{\circ}53')}{\sin (50{}^{\circ}-22{}^{\circ}53')}\ \approx \ -8{,}6{}^{\circ} Az = 1808,6 = 171,4\mathit{Az}\ =\ 180{}^{\circ}-8{,}6\ =\ 171{,}4{}^{\circ}

Meridianhöhe h0h_0

hb 62° 38,8′
+ Δh 12,2′
h0 62° 51,0′

Standlinie aus der Nebenmeridianbreite

Nebenmeridianbreite

φ = 90 + δ  h0\varphi \ =\ 90{}^{\circ}\ +\ \delta \ -\ h_{\mathit{0}}
90° 00,0′
+ δ + 22° 53,0′
112° 53,0′
- h0 62° 51,0′
φB 50° 02,0′ N
- φK 50° 00,0′ N
Δφ 2,0′

Wie wir im Höhendifferenzverfahren sehen, kann dort auch eine Standlinie ähnlich dieser ermittelt werden.

Ergebnis nach Höhendifferenzverfahren: Az=171,4Az = 171{,}4^\circ, Δφ=1,8\Delta \varphi = 1{,}8'.

Wozu dann das Ganze mit der Nebenmeridianbreite?

Zugegeben, heute spielt die Nebenmeridianbreite keine Rolle mehr, da moderne Rechner die Lösung der aufwändigen Formeln des Höhendifferenzverfahrens leicht ermöglichen.

Zu Zeiten der Logarithmenrechnung war das Verfahren der Nebenmeridianbreite jedoch leichter und schneller zu rechnen als eine Höhenstandlinie nach dem Semiversusverfahren. Dabei wurden jedoch nicht die oben angeführten Formeln manuell gelöst, sondern auf Tafelwerke zurückgegriffen, die Nebenmeridiantafeln.

Es wurden verschiedene Nebenmeridiantafeln entwickelt, die die Berechnung vereinfachen.

Nebenmeridiantafeln aus Fulst Nautische Tafeln

Die Nebenmeridiantafeln im Tafelwerk Fulst Nautische Tafeln bestehen aus zwei Tafeln.

Tafel I tabelliert einen Faktor pp für die Breite φ\varphi und die Deklination δ\delta gemäß der Formel

p =cos(δ)sin(φδ)p\ = \frac {\cos(\delta )} {\sin(\varphi - \delta)}

Dabei ist bei der Auswahl der richtigen Tabelle zu beachten, ob Breite und Deklination gleichnamig, also beispielsweise beide N oder S, oder ungleichnamig, also ein Wert N und der andere S, sind.

Für halbkreisige Ortsstundenwinkel tEt_E ergibt sich das Azimut bei Gestirnen im Südmeridian:

AZ=180ptEAZ = 180^\circ - p \cdot t_E

Für halbkreisige Ortsstundenwinkel tWt_W ergibt sich das Azimut bei Gestirnen im Südmeridian:

AZ=180+ptWAZ = 180^\circ + p \cdot t_W

Mit Tafel II wird die Meridianhöhe auf den Meridian korrigiert.

Dazu wird der Nebenmeridiantafel II mit der Breite und dem halbkreisigen Ortsstundenwinkel der Faktor qq entnommen.

Die Tafelwerte sind nach der Formel

q =2sem(tE/W)cos(φ)sin(1)q\ = \frac {2 \cdot sem(t_{E/W}) \cdot \cos(\varphi)} {\sin(1')}

berechnet.

Die Winkeldistanz Δh\Delta h in Minuten, die auf die gemessene Nebenmeridanhöhe zu addieren ist, um die Meridianhöhe zu erhalten, ist das Produkt aus pp und qq:

Δh =pq\Delta h\ = p \cdot q

Beispiel Fulst

Sie beobachten am 08.06.2005 kurz vor Meridiandurchgang um 12.50 UT1 auf 50° N, 17° W den Sonnenunterrand in einer Wolkenlücke. Sextantablesung 62° 28’, Ib=2Ib = -2', Ah=2mAh = 2\,m. Bestimmen Sie die Meridianbreite und zeichnen Sie die Standlinie.

  • Bestimmung des halbkreisigen Ortsstundenwinkels wie zuvor: tW=004 15,1=4,25t_W = 004^\circ\ 15{,}1' = 4{,}25^\circ
  • Bestimmung der Deklination δ\delta wie zuvor: δ=22 53 N\delta = 22^\circ\ 53' \ \mathrm{N}
  • Bestimmung des Faktors pp aus Nebenmeridiantafel I: φ\varphi und δ\delta sind gleichnamig, beide N. pp wird interpoliert für δ=22\delta = 22^\circ mit p=1,97p = 1{,}97 und δ=24\delta = 24^\circ mit p=2,08p = 2{,}08 zu p=2,02p = 2{,}02
  • Bestimmung Azimut: Az=180(ptW)=180(2,024,25)Az = 180^\circ - (p \cdot t_W) = 180^\circ - (2{,}02 \cdot 4{,}25^\circ) Az=171,4Az = 171{,}4^\circ
  • Bestimmung des Faktors qq aus Nebenmeridiantafel II: qq wird interpoliert für t=4 10t = 4^\circ\ 10' mit q=5,8q = 5{,}8 und t=4 20t = 4^\circ\ 20' mit q=6,3q = 6{,}3 zu q=6,05q = 6{,}05
  • Berechnung des Höhenunterschieds durch Multiplikation: pq=2,026,05p \cdot q = 2{,}02 \cdot 6{,}05 Δh=12,2\Delta h = 12{,}2'

Meridianhöhe h0h_0

hb 62° 38,8′
+ Δh 12,2′
h0 62° 51,0′

Norie’s Ex-Meridian Tables

In den Norie’s Nautical Tables ist das Nebenmeridian-Verfahren mit drei Tabellen abgebildet. Mit einer vierten kann validiert werden, ob die Messung eines Nebenmeridians noch im zulässigen Zeitrahmen liegt, da es ja nur ein Näherungsverfahren ist.

Analog zu den Fulst Nautischen Tafeln wird auch zunächst aus der Ex-Meridian Table I aus Länge und Deklination der Faktor AA entnommen.

Dieser berechnet sich nach

A = 1,9635cos(φ)cos(δ)sin(φδ)A\ =\ \frac{1{,}9635 \cdot \cos(\varphi) \cdot \cos(\delta)} {\sin(\varphi - \delta)}

Anschließend wird in der Ex-Meridian Table II eine zweite Korrektur vorgenommen, die als Eingangswerte den Wert AA sowie den Ortsstundenwinkel tt hat.

Die Korrekturwerte werden für eine Ziffer von AA angegeben. Für Zehnerpotenzen und Nachkommastellen wird der Korrekturwert ebenfalls mit den Zehnerpotenzen multipliziert. Ist A=23,4A = 23{,}4, dann wird

  • der Wert unter 2 genommen und mit zehn multipliziert
  • der Wert unter 3 genommen
  • der Wert unter 4 genommen und durch zehn geteilt

Der zweite Korrekturwert ist die Summe dieser Einzelsummanden.

Beispiel: φ=24 N\varphi = 24^\circ \ \mathrm{N}, δ=16 N\delta = 16^\circ \ \mathrm{N}, gleichnamig, t=35630t = 356^\circ 30'

A=12,4A = 12{,}4

1: 3,3
2: 6,5
4: 13,1

Also ist die zweite Korrektur:

3,3 * 10 = 33,0
+ 6,5 * 1 = 6,5
+ 13,1 * 0,1 = 1,3
40,8

Das Azimuth ist über die ABC Tafeln zu bestimmen:

  • A: Eingang Breite und Ortsstundenwinkel
  • B: Eingang Deklination und Ortsstundenwinkel
  • C, Azimut: Eingang (A+B)(A+B) und Ortsstundenwinkel

Beispiel Norie

Sie beobachten am 08.06.2005 kurz vor Meridiandurchgang um 12.50 UT1 auf 50° N, 17° W den Sonnenunterrand in einer Wolkenlücke. Sextantablesung 62° 28’, Ib=2Ib = -2', Ah=2mAh = 2\,m. Bestimmen Sie die Meridianbreite und zeichnen Sie die Standlinie.

  • Bestimmung des Ortsstundenwinkels wie zuvor: t=355 45t = 355^\circ\ 45'
  • Bestimmung der Deklination δ\delta wie zuvor: δ=22 53 N\delta = 22^\circ\ 53' \ \mathrm{N}
  • Bestimmung des Wertes AA aus der Ex-Meridian Table I: Für φ=50\varphi = 50^\circ, δ=23\delta = 23^\circ, gleichnamig, SAME, liest man ab: A=2,6A = 2{,}6
  • Bestimmung des ersten Korrekturwertes aus der Ex-Meridian Table II: Für t=355 45t = 355^\circ\ 45' liest man ab:
2: 9,6
6: 28,9
9,6 * 1 = 9,6
+ 28,9 * 0,1 = 2,9
12,5
  • Bestimmung des zweiten Korrekturwertes aus der Ex-Meridian Table III: Für den ersten Korrekturwert First Corr und die wahre Höhe 62° 38,8′, siehe oben, liest man ab: Second Corr = -0,1 Δh\Delta h beträgt somit 12,50,1=12,412{,}5 - 0{,}1 = 12{,}4'

  • Bestimmung des Azimut nach den ABC Tabellen: A: φ=50\varphi = 50^\circ und t=355 45t = 355^\circ\ 45' ergeben A=16,0A = 16{,}0 B: δ=23\delta = 23^\circ und t=355 45t = 355^\circ\ 45' ergeben B=6,09B = 6{,}09 C: A+B=22A + B = 22 und φ=50\varphi = 50^\circ ergeben C=4C = 4^\circ Azimut = 1804=176180^\circ - 4^\circ = 176^\circ