Das Höhendifferenzverfahren nach der Methode des französischen Admirals A. Blond de Marco St. Hilaire ist erstmals im Jahre 1875 veröffentlicht worden.
Es reduziert die Höhengleichen, also Kreise um den Bildpunkt, auf kleine überschaubare Ausschnitte.
Zu einem Rechenort, zum Beispiel dem Koppelort, wird die theoretisch erwartete Höhe berechnet und mit der tatsächlich beobachteten Höhe verglichen. Die Differenz zwischen diesen beiden Höhen, die Höhendifferenz, lässt auf den Verlauf der Standlinie schließen.
Die Standlinie ist ein Ausschnitt der Höhengleiche und wird senkrecht zum Azimut verlaufen.
Ist die beobachtete Höhe kleiner als die berechnete Höhe, so wird der Standort weiter vom Bildpunkt entfernt sein als zuvor angenommen. Ist die beobachtete Höhe jedoch größer als die berechnete Höhe, so wird der tatsächliche Standort näher am Bildpunkt sein.
Die Höhendifferenz berechnet sich zu:
Die Höhendifferenz in Winkelminuten entspricht der Distanz von angenommener zu beobachteter Standlinie in Seemeilen. Die Richtung, in die die Standlinie verschoben werden muss, ist gleich dem Azimut zum Bildpunkt.
Das Verfahren lässt sich über Tafelwerke, mit Rechnern und früher mit logarithmischen Verfahren berechnen.
Ablauf
Aus Chronometerzeit Chr wird die Beobachtungszeit in UT1 ermittelt.
| Chr | Chronometerablesung |
| + Stand | Chronometerstand |
| UT1 | Beobachtungszeit in Universal Time 1 |
Hin und wieder wird die Chronometerzeit Chr als 12-stündiger Wert angegeben, so dass mit Zonenzeit ZZ und Zeitunterschied ZU ermittelt werden, ob es sich beispielsweise um 08.00 UT1 oder 20.00 UT1 handelt. Ferner können Borddatum und das GMT-Datum wegen des Zeitunterschieds voneinander abweichen, so dass sich folgendes Schema ergibt:
| ZZ Datum | Datum in Zeitzone |
| ZZ | Zonenzeit |
| - ZU | Zeitunterschied Zone zu Greenwich in Stunden |
| GMT | Greenwich Mean Time |
| GMT Datum | Datum in Greenwich Mean Time |
| Chr | Chronometerablesung |
| + Stand | Chronometerstand |
| UT1 | Beobachtungszeit in Universal Time 1 |
Nach Auswahl des Gestirns wird zur Beobachtungszeit der Greenwicher Stundenwinkel Grt berechnet und mit dem Längengrad des Rechenortes wird der Ortsstundenwinkel t bestimmt.
Der Ortsstundenwinkel t wird vollkreisig von 0° bis 360° angegeben. Eventuell sind 360° zu addieren oder zu subtrahieren.
Sonne
| Grt v.S. | Greenwicher Stundenwinkel Sonne für volle Stunde |
| + Zuwachs | Zuwachs des Grt für Minute und Sekunde |
| Grt | Greenwicher Stundenwinkel Sonne für Beobachtungszeit |
| ± λ | Längengrad, W: -, E: + |
| t | Ortsstundenwinkel Sonne |
Fixstern
| Grt v.S. | Greenwicher Stundenwinkel des Frühlingspunktes für volle Stunde |
| + Zuwachs | Zuwachs des Grt für Minute und Sekunde |
| + Sternw | Sternwinkel β des Fixsterns |
| Grt | Greenwicher Stundenwinkel Fixstern für Beobachtungszeit |
| ± λ | Längengrad, W: -, E: + |
| t | Ortsstundenwinkel Fixstern |
Planet / Mond
| Grt v.S. | Greenwicher Stundenwinkel des Frühlingspunktes für volle Stunde |
| + Zuwachs | Zuwachs des Grt für Minute und Sekunde |
| + Vb | Verbesserung für Mond / Planet gemäß Tabelle |
| Grt | Greenwicher Stundenwinkel Mond / Planet für Beobachtungszeit |
| ± λ | Längengrad, W: -, E: + |
| t | Ortsstundenwinkel Mond / Planet |
Zur Beobachtungszeit UT1 wird die Deklination bestimmt. Diese wird bei Sonne, Mond und Planeten für die volle Stunde angegeben und dann mittels Verbesserung für den Beobachtungszeitpunkt berechnet:
Sonne / Planet / Mond
| δ v.S. | Deklination des Gestirns für volle Stunde |
| + Vb | Verbesserung für Sonne / Mond / Planet gemäß Tabelle |
| δ | Deklination für Beobachtungszeit |
Fixsterne
Für Fixsterne kann die Deklination wegen der sehr langsamen Veränderung direkt für die Stunde abgelesen werden und muss nicht auf die Minute verbessert werden.
Aus dem Ortsstundenwinkel, der Deklination und dem Breitengrad des Rechenortes werden die Rechenhöhe sowie das Azimut berechnet.
Die Berechnung von und leitet sich aus dem sphärisch-astronomischen Grunddreieck ab:
und
Ist das Azimut negativ, so sind zu 180° zu addieren. Ist der Ortsstundenwinkel kleiner als 180°, so sind zu weitere 180° zu addieren.
Für diese Berechnung stehen mehrere Verfahren zur Verfügung:
- Berechnung mit dem Taschenrechner
- Berechnung nach Höhentafeln, zum Beispiel PUB. 249, PUB. 229 oder andere
- logarithmische Verfahren, zum Beispiel Semiversus-Verfahren
Aus der Sextantablesung SA wird die beobachtete Höhe nach diesem Rechenmuster bestimmt.
| SA | Sextantablesung |
| + Ib | Indexberichtigung |
| KA | Kimmabstand |
| + Gb | Gesamtbeschickung |
| + Zb | Zusatzbeschickung |
| hb | Beobachtete Höhe |
Aus der beobachteten Höhe und der berechneten Höhe wird die Höhendifferenz berechnet.
Mit Hilfe des Azimuts und der Höhendifferenz wird die Standlinie vom Rechenort aus bestimmt.
Hinweis: Die praktische Konstruktion der Standlinie ist im Folgeartikel Die Höhenstandlinie beschrieben.